Aktienkurse im freien Fall: Gedanken zur Corona-Krise

Das Corona-Virus alias Covid-19 hat der Wirtschaft schon jetzt enorm zugesetzt. Und der Schaden wird vermutlich noch zunehmen. Auch, wenn es bereits erste Konjunkturprognosen gibt, überwiegt die Unsicherheit deutlich. Investoren bekommen Angst. Infolgedessen haben auch die Aktienkurse teils massiv an Boden verloren.

Covid-19: Belastungsprobe für Anleger

Eigentlich wollte ich mich hier auf meinem Blog nicht mit den Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft beziehungsweise die Aktienkurse beschäftigen. Es gibt dazu bereits zig Einschätzungen im Internet und von Wirtschaftsinstituten wie dem IfW.

Kurz zusammengefasst, was fast alle Institute im Kern prognostizieren: Dieses Jahr schrumpft die Wirtschaft – global und in Deutschland – zwischen 1 und 3 Prozent bzw. verzeichnet nur ein geringes Wachstum. 2021 hingegen wird die Erholung aufgrund eingeleiteter Maßnahmen deutlich auf bis zu über vier Prozent anziehen. Das Virus wird also voraussichtlich keinen bleibenden wirtschaftlichen Schaden anrichten, auch wenn die Prognosen teilweise weit auseinander liegen.

Konjunkturprognose des IfW

Da die Zugriffe auf meine Webseite und mein Wikifolio jedoch deutlich angezogen sind, möchte ich einige Gedanken mit euch teilen. Und zwar: Wieso stehen die Aktienkurse derart unter Druck? Wie weit geht es noch runter? Wer sind – langfristig betrachtet – die Gewinner? Wer die Verlierer?

Darum schlägt die Corona-Krise so auf den Aktienmarkt durch

Vermutlich werde ich nicht jedes Detail erfassen, das zu dem Beben am Aktienmarkt beigetragen hat. Ich habe für mich jedoch vier zentrale Eckpunkte erarbeitet.

Umsatz- und Gewinnwarnungen

Viele Unternehmen und Analysten rechnen mit sinkenden Umsätzen und Gewinnen. Mastercard, Disney und Adidas etwa haben ihre Aussichten für dieses Jahr nach unten korrigiert. Es sollen teilweise bis zu 50 Prozent der Gewinne wegbrechen. Dividenden werden ausgesetzt oder gekürzt. Das versetzt die Leute in Panik und lässt sie den „Verkaufen“-Button drücken.

Konsum in Gefahr

Das liegt daran, dass Menschen, die zu Hause bleiben (müssen), weniger konsumieren. Reisen werden storniert, Konzerte abgesagt, Restaurants bleiben leer. Kasper Rorstedt, CEO von Adidas, sagte es sinngemäß so: Wenn die Leute zu Hause sitzen, kaufen sie sich vorerst keine neuen Sportschuhe.

Konsum ist aber von außerordentlicher wirtschaftlicher Bedeutung. Denn: Weniger Konsum = mehr Arbeitslosigkeit/Einkommensausfälle = weniger Konsum = …. Dadurch fallen Kredite aus, die Banken bleiben unter Umständen auf den Schulden sitzen. Sollte die Krise daher zu einer steigenden Arbeitslosigkeit bzw. geringeren Einkommen führen, könnte dies die Wirtschaft nachhaltig beeinträchtigen. Und zu einer neuen Finanzkrise führen.

Außerdem: In der größten Volkswirtschaft, den USA, steht der große Ausbruch eventuell erst noch bevor. Der Ansatz von Deutschland und den Zentralbanken, für ausreichend Liquidität zu sorgen und Stundungen/Kredite in riesigem Umfang anzubieten, ist hier sehr gut. Es müssen jedoch mehr Nationen mitziehen. Und das dürfte für höher verschuldete Staaten wie Italien schwierig werden.

Streit ums Öl

Neben dem Virus belastet der Streit ums Öl. Russland und die OPEC (zusammen OPEC+) hielten durch Förderkürzungen den Ölpreis bei rund 55 bis 70 Dollar. Nun exportieren die USA jedoch immer mehr Öl und auch Staaten der OPEC hielten sich nicht an die Vereinbarungen. Als Folge fahren Russland und Saudi-Arabien ihre Produktionen hoch – bei gleichzeitig sinkender Nachfrage. Der Ölpreis (WTI) ist daraufhin auf bis unter 30 USD gefallen. Aktien von Shell und Co. fielen ins Bodenlose.

Öl-Preisentwicklung WTI

Früher hieß es, ein niedriger Ölpreis sei gut, da somit mehr Geld bei den Konsumenten bleibt. Die Angst ist jedoch eine andere. Und zwar die Angst vor einem Staatsbankrott bei Ölförderstaaten wie Venezuela oder Iran. Stoßen Investoren dann auch die Anleihen anderer risikobehafteter Staaten ab, könnte dies – besonders in den „Emerging Markets“ – zu einer neuen Schuldenkrise führen. Erstmals seit 1960 hat etwa der Iran einen Kredit beim Weltwährungsfonds beantragt.

Spekulation mit Fremdkapital

Einige Privatanleger/Trader und Hedge-Fonds haben teils massiv mit Krediten (s. Effektenlombardkredit) bzw. Hebelprodukten auf steigende Kurse spekuliert. Das ist so lange toll, wie die Kurse auch steigen. Fallen die Kurse – besonders wie in der jetzigen Situation rapide und schwer vorhersehbar – wird es unschön. Denn der Kredit ist mit einer Sicherheit hinterlegt. Meistens mit den entsprechenden Wertpapieren.

Fällt der Wert der Aktien unter den Kreditbetrag, fordert die Bank frisches Geld (Margin Calls) nach. Vereinfacht heißt das: Wurden 100 Prozent des Kredites verwendet, und die Aktie fällt um 50 Prozent, ist man mit 150 Prozent in den Miesen. Diese 50 Prozent werden dann auch nicht mit 3 Prozent verzinst, sondern zum Beispiel mit 10 Prozent. Jetzt kommt der Kreditnehmer mitunter in starke Bedrängnis. Es wird liquidiert was geht. Gold, Bitcoin und auch die Wertpapiere. Das führt zu schnell sinkenden (Aktien-)Kursen, weil viele – egal zu welchem Preis – raus müssen.

Und auch manche Unternehmen leben fast nur auf Kredit. Ohne Fremdkapital würden sie untergehen. Bisher waren Investoren bereit, auch Unternehmen mit grenzwertigem oder schlechtem Rating Geld zu leihen. Schlägt die Stimmung um oder die wirtschaftlichen Bedingungen ändern sich, versiegt der Geldfluss. Senken dann auch noch die Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit herab, droht erst recht der finanzielle Kollaps.

Wer Aktien solcher Unternehmen besitzt, guckt derzeit noch tiefer in die Röhre. Ich erwähne hier zum Beispiel Tilray, vor denen ich im August 2019 eindringlich gewarnt habe. Damals noch eine der großen Turnaround-Wetten. Kurs im September 2018: 140 Dollar. Kurs im August 2019: 25 Dollar („jetzt Turnaround!“). Kurs jetzt: 4 Dollar.

Wann ist der Boden erreicht?

Ich weiß es natürlich nicht. Allgemein gilt jedoch: Man sollte auch 50 – 60 Prozent Verlust vom letzen Hoch aus gesehen verkraften können. Für den S&P 500 würde das ungefähr einen Kurs von 1.800 Punkten beziehungsweise Tiefstkurse von 2015 bedeuten. Das ist jedenfalls mein Worst-Case-Szenario. Und auf dieses sollte man immer vorbereitet sein. Erhoffe das Beste und erwarte das Schlimmste.

Ich persönlich erwarte eher Kurse zwischen 2100 und 2400 Punkten im S&P 500. Das wären vom Stand jetzt aus (2500 Punkte), nochmals bis zu minus 15 Prozent. Da mein Depot in solchen Phasen ähnlich oder leicht besser läuft, kann ich abschätzen, ob ich einen solchen „Buchverlust“ über die nächsten 3 bis 5 Jahre ertragen könnte. Wer Geld langfristig anlegt und sich nicht anderweitig absichert („Hedging“) sollte diese Frage immer mit Ja beantworten müssen. Ansonsten sollten dringend Konzepte gesucht werden, mit denen man einer solchen Volatilität aus dem Weg gehen kann.

Hilfreich ist es zudem, sich den Kursverlauf von 2008 anzusehen. Hier kann man gewisse Ähnlichkeiten ablesen, was den Kursverlauf betrifft. Wenn die Volatilität abnimmt und die Kurse einige Tage in Folge ansteigen, ist die Chance hoch, dass der Kursverfall vorbei beziehungsweise die Fallhöhe nur noch gering ist. Auch ich warte darauf, entsprechende Signale zu sehen. In stark fallende Kurse wie derzeit kaufe ich nur mit sehr geringem Geld hinein.

Kursverlauf von 2008/2009 im S+P 500

Die Gewinner und Verlierer von morgen

Auch hier gibt es von meiner Seite aus nicht viel Neues. Meine langfristigen Annahmen sind weiter intakt. Die Welt wird digitaler. Das Thema Gesundheit und Gesundheitsvorsorge gewinnt weltweit und in Schwellenländern – hier besonders in China – vermehrt an Bedeutung. Die Mittelschicht und damit der Wohlstand wächst weltweit.

Verlierer werden (weiterhin) Unternehmen sein, die mit den verschiedenen gesellschaftlichen und technologischen Umbrüchen nicht Schritt halten können. Und sich möglicherweise (siehe weiter oben) nur mit Krediten über Wasser halten.

Beispiele: Wer als Sieger bei der Elektromobilität/den alternativen Antrieben vom Platz geht, steht nicht fest. Daimler scheint abgeschlagen, Tesla weit vorne, VW holt immerhin auf. Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Öl basiert und die sich nicht radikal wandeln, werden in diesem Jahrzehnt vermutlich ebenfalls zu den Verlierern zählen. Touristikkonzerne wie TUI werden von Airbnb, Booking und Co. stark unter Druck gesetzt. Aktionäre von klassischen Banken wie der Deutschen Bank oder Commerzbank werden wohl auch kaum Rendite erhalten, da digitale Anbieter/Fintechs ihnen die Geschäftsmodelle streitig machen.

Alle Unternehmen, die ich für das Wikifolio und mein privates Depot ausgewählt habe, sind finanziell solide aufgestellt, werden durch die derzeitige Krise nicht vom Markt verschwinden und bedienen verschiedene Trends, die auch in zehn Jahren noch laufen werden.

Fazit

Im Wikifolio stehe ich noch mit rund 13 Prozent Cash an der Seitenlinie. Die sehr hohe Bewertung vorher hatte mich ein wenig davon abgehalten, voll zu investieren. Das ist insofern von Vorteil, als dass sich jetzt herauskristallisiert, welche Unternehmen sich auch unter stark angespannten wirtschaftlichen Bedingungen halten. Und ich so gezielt entsprechende Aktien erwerben kann. Im privaten Depot laufen zudem die ETF-Sparpläne einfach unverändert weiter.

Bisher zeigt sich: Die Tech-Werte mit gutem finanziellem Polster und starkem Burggraben halten sich besser als der Gesamtmarkt. Apple oder Adobe stehen über ein Jahr betrachtet zum Beispiel noch immer gut im Plus. Andere wie Alteryx oder Mastercard zumindest nicht im Minus. Zurückgerechnet würde das Depot etwa auf dem Stand von Anfang 2019 stehen. Und etwas besser abschneiden als der S+P 500. Also zirka ein Jahr Verlust. Und nicht – wie etwa der DAX – zurückfallen bis auf das Niveau von 2013.

Deshalb: Als Anleger, der „only long“ ist und keine Absicherung gegen fallende Kurse verwendet, sondern die Volatilität in Kauf nimmt, bin ich – bisher zumindest – vergleichsweise gut durch den Crash gekommen. Besser zumindest als Leute, die mit Kredit auf steigende Kurse gewettet oder – überspitzt gesagt – „All-in“ Cannabis gegangen sind. Auch besser als Anhänger von Shell, Daimler und Co. „Weil die Dividende so hoch ist“. Manche sind sogar so ehrlich und posten die Performance ihrer Depots bei Facebook oder in anderen Aktien-Gruppen. Minus 60 Prozent und mehr ist hier durchaus zu sehen.

Man sollte sich, auch wenn die Verluste im Depot jetzt teilweise groß aussehen, vor Augen führen: Es gibt ein öffentliches Leben auch nach dieser Krise. China ist in diesen Tagen ein Beleg dafür. Und in vielen Staaten der Welt werden niedrige Zinsen, Steuersenkungen und Konjunkturprogramme zurückbleiben. Mit den entsprechenden Chancen für bereits investierte Anleger und Neueinsteiger.

Bis dahin: Haltet euch an die Empfehlungen von Einrichtungen wie dem RKI und der WHO und kommt – finanziell wie auch gesundheitlich – gut durch diese Zeit.

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